kab | Betriebssicherheitspraxis.de - 31.08.2016

Jeder Mitarbeiter wird an seinem Arbeitsplatz nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastet. Vor dem Hintergrund der Zunahme entsprechender Erkrankungen hat der Gesetzgeber die Beurteilung psychischer Belastungen als neues Schutzziel in die BetrSichV 2015 neu aufgenommen. Dies hat Auswirkungen auf Ihre Gefährdungsbeurteilungen.

Vorgaben der BetrSichV

Seit der Neuregelung der Betriebssicherheitsverordnung fordert die BetrSichV in § 3 Abs. 2 Satz 2 im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung ausdrücklich, dass nun auch insbesondere psychische Belastungen der Beschäftigten bei der Verwendung von Arbeitsmitteln zu beachten sind. Damit sind psychische Belastungen als fester Bestandteil einer jeden Gefährdungsbeurteilung zu sehen und müssen von Ihnen entsprechend ermittelt, bewertet und dokumentiert werden.

Fehlende Konkretisierungen in der BetrSichV

Da die Verpflichtung zur Ermittlung und Beurteilung psychischer Belastungen in der BetrSichV jedoch nicht näher konkretisiert wird, besteht in der Praxis viel Unsicherheit über eine geeignete Vorgehensweise. Oft ist bereits nicht klar, welche Belastungskriterien in Bezug auf psychische Gefährdungen zu prüfen sind und welche äußeren Einflüsse überhaupt zu erfassen sind und psychisch auf Mitarbeiter einwirken.

Einflussfaktoren psychischer Belastungen

Grundsätzlich sind im Rahmen der Ermittlung psychischer Arbeitsbelastung die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken, zu erfassen. Zu ermitteln und zu beurteilen sind diesbezüglich insbesondere:

  • fehlender Handlungs- und Entscheidungsspielraum,
  • Informationsmangel oder Informationsüberflutung,
  • hoher Termin- und Zeitdruck,
  • ungünstige Arbeitszeitregelung,
  • monoton sich wiederholende Tätigkeiten,
  • unzureichende Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten, 
  • soziale Konflikte, 
  • Mangel in der Arbeitsplatzgestaltung, 
  • Umgebungsfaktoren, wie z. B. Lärm, fehlendes Tageslicht, 
  • Kälte, Hitze oder Schadstoffe, 
  • betriebliche Situationen, wie z. B. Umstrukturierung mit drohendem Arbeitsplatzverlust,
  • etc.

Feststellung psychischer Fehlbelastungen

Psychische Fehlbelastungen können für die Betroffenen sowohl zu kurzfristigen als auch zu mittel- bis langfristigen negativen Folgen führen.

Dabei ist insbesondere auch auf das Vorliegen  folgender physischer Kriterien zu achten:

  • schwere körperliche Arbeit, z. B. Heben und Tragen schwerer Lasten, 
  • Zwangshaltungen oder Über-Kopf-Arbeiten,
  • lang andauernde stehende Tätigkeit (mehr als 2,5 bis 4 Stunden täglich),
  • ungünstige räumliche Verhältnisse,
  • ausschließlich Sitzarbeitsplatz, ohne Wechsel der Körperhaltung,
  • fehlender Bein-/Fußraum,
  • körperferne Anordnung der Arbeitsmittel und Stellteile,
  • zu geringe oder zu große Arbeitshöhe,
  • eingeschränkte Bewegungsfreiheit,
  • ungünstige Kombination von Arbeitsmittel und Mobiliar,
  • defekte Anzeigeelemente, z. B. Kratzer oder Sprünge auf Display,
  • ungünstige Lage der Anzeigeelemente, z. B. zu hoch oder zu niedrig,
  • unzureichende Softwaregestaltung,
  • etc.

Beurteilung psychischer Belastungen

Die Einflussfaktoren und Fehlbelastungen sind vielfältig. Nicht immer führt das Vorhandensein von Einflussfaktoren und Fehlbelastungen auch zu gesundheitlichen Schäden. Vielmehr sind diese immer im Gesamtzusammenhang mit der Art und Dauer der Arbeitsaufgabe zu betrachten und zu beurteilen. Bei der Beurteilung psychischer Belastungen und den sich daraus ergebenden Beanspruchungen ist zudem auch mit zu berücksichtigen, welche individuellen Ressourcen der Einzelne für den Umgang mit psychischen Belastungsfaktoren besitzt.

Solche Ressourcen sind, neben den persönlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnissen und Erfahrungen auch das Anspruchsniveau, die Motivation und die Bewältigungsstrategien. Sie können die negativen Folgen der psychischen Fehlbeanspruchungen verhindern oder zumindest abmildern. Zur Abklärung von psychischen Belastungen und deren äußeren Einflussfaktoren ist daher neben den objektiven äußeren Gegebenheiten auch die subjektive Sicht des betroffenen Mitarbeiters mit zu berücksichtigen.

Durchführung und Dokumentation

Für die Ermittlung und Beurteilung psychischer Belastungen empfiehlt sich in der Praxis der Einsatz eines Gefährdungs- und Belastungskataloges, anhand dessen die Ermittlung psychischer und physischer Belastungen vorgenommen werden kann. Zusätzlich können Mitarbeiterbefragungen und Beobachtungsinterviews sowie moderierte Gruppengespräche Erkenntnisse auf psychische Belastungen bringen.

Gefährdungs- und Belastungskatalog

Zur Erleichterung der Ermittlung und Prüfung psychischer Gefährdungen steht auf betriebssicherheitspraxis.de eine hilfreiche Vorlage zur Durchführung und Dokumentation sowie Bestimmung von psychischen Belastungen und Gefährdungen zur Verfügung. Diese Vorlage beinhaltet die wichtigsten Prüfkriterien, die zur Ermittlung und Beurteilung von psychischen Fehlbelastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu beachten sind.

Ermittlung durch fachkundige Person

Die Ermittlung und Beurteilung psychischer Gefährdungen sollte durch arbeitspsychologisch geschulte Fachleute vorgenommen werden. Dies ergibt sich aus der Forderung des § 3 Abs. 3 der BetrSichV, dass die Gefährdungsbeurteilung von einer fachkundigen Person durchzuführen ist. Zudem ist empfehlenswert, die Beschäftigten persönlich in die Ermittlung, Beurteilung und Gestaltung einzubeziehen, da diese die Arbeitstätigkeiten und organisatorischen Bedingungen i. d. R. am besten kennen. Außerdem kann durch die Mitwirkung eine höhere Akzeptanz bei den Beschäftigten erreicht werden und die einzuleitenden Schritte werden so auch eher mitgetragen.

Weitere Vorlagen und Arbeitshilfen zum Thema:

document Prüfung Psychische Gefährdungen (166 KB)